Die
Patronenrevolver

»Das Ende des Bürgerkrieges markierte in gewisser Weise auch das Ende der Perkussionswaffen und bedeutete gleichzeitig den Beginn der Metallpatronenära. Dabei wäre es falsch zu sagen, daß es sich hierbei um die Einführung einer völligen Neuheit handelte. Metall- und Papierpatronen waren schon früher bekannt gewesen, aber sie waren lediglich als Behälter für Pulverladung und Blei benutzt worden, um den Ladevorgang zu erleichtern. Nun aber ging es um eine in sich geschlossene Vereinigung aller für das Abfeuern eines Schusses erforderlichen Elemente, nämlich der Zündmasse, der Treibladung und des Projektils.«
Arcadi Gluckmann, 1DENTIFYING OLD U. S. MUSKEKTS, RIFLES AND CARBINES, 1965Die erste Metallpatrone entstand im Jahre 1847 in Paris. Erfinder war ein Mann namens Flobert.
Seine Patrone hatte eine dünne Kupferhülle und das Kaliber .22.
Die ungeheure Bedeutung dieser Erfindung wurde nicht erkannt. Es war erst wenige Jahre her, dass sich Büchsenmacher und Waffenfabrikanten noch mit Fertigungsmethoden für einwandfrei funktionierende Zündhütchen für die Perkussionszündung herumgeschlagen hatten. Die Probleme, die die Fertigung von Metallmantelpatronen aufwarf, schienen unlösbar, die Anwendungsmöglichkeiten der neuen Munition galten als beschränkt.
Es gab keine Waffen für Metallpatronen, kaum jemand interessierte sich für die großen Möglichkeiten, die diese Entwicklung bot.
Das Perkussionssystem stand in voller Blüte und galt als die optimale Zündungsart für Gewehre und Faustfeuerwaffen.
Die erste gebrauchsfähige Gewehrpatrone mit einem Metallmantel wurde von dem Amerikaner Dr. Edward Maynard entwickelt. Auch diese Patrone aber wurde im Perkussionssystem gezündet. Sie hatte einen zentral durchbohrten Boden, durch den der Zündstrahl eines auf ein Piston aufgesetzten Zündhütchens gelangte und die Pulverladung der Patrone zur Explosion brachte.
Die Erfindung Maynards war ein Kompromiss zwischen zwei Zündungssystemen, der auf dem Weg zur Fertigung praktikabler Patronen mit Metallmantel nur ein Zwischenstadium darstellt. Denn alle, die sich mit diesem Problem befassten, hatten zum Ziel, eine Patrone zu entwickeln, die sowohl Pulver und Blei, als auch den Zündsatz enthielt.
Als Horace Smith und Daniel Wesson ihre Volcanic-Pistole auf den Markt brachten, hatten sie dafür eine eigene Patrone entwickelt, die diese Voraussetzungen erfüllte, trotzdem aber keine optimale Lösung darstellte. Es handelte sich dabei um ein teilweise hohles, kegelförmiges Bleigeschoß, in dessen Höhlung die Pulverladung untergebracht war. Der Boden war mit einem durchbohrten Messingplättchen versehen, auf dem sich eine dünne
Korkscheibe mit der Zündmasse befand. Die Reichweite dieses Geschosses war gering, die Durchschlagskraft begrenzt. Smith und Wesson arbeiteten weiter an der Entwicklung einer Patrone mit Metallmantel.
Gleichzeitig geschah etwas Entscheidendes: Völlig unabhängig von beiden Konstrukteuren meldete am 3. April 1855 der Büchsenmacher Rollin White eine Revolvertrommel mit völlig durchbohrten Kammern zum Patent an.
Die gebräuchlichen Perkussionsrevolver wurden zu jener Zeit von vorn geladen. Die Kammern der Trommel waren am Ende verschlossen, bis auf Pistons mit schmalem Zündkanal, auf die die Zündhütchen aufgesetzt wurden. Rollin Whites Patent sah die Ablösung der Vorderladerrevolver vor. Die völlig durchbohrte Trommel ermöglichte ein
Laden des Revolvers von hinten, mit Metallpatronenmunition, die bis dahin weitgehend unbekannt war. Eben das war das entscheidende Problem: Die bahnbrechende Erfindung Whites war solange wertlos, wie es keine entsprechende Munition dafür gab.White selbst versuchte, Patronen für seinen Revolver zu entwickeln, war aber erfolglos. Er sah ein, dass ihm sein Patent, das so große Möglichkeiten in sich barg, nichts nützte und versuchte, es anderen Waffenfabrikanten anzubieten. Die meisten lehnten ab, weil auch für sie die Herstellung geeigneter Munition ein unüberwindbares Problem darstellte. Auch Samuel Colt, dessen Revolver die Waffentechnik revolutioniert hatten, erteilte White eine Absage. Ebenso wie andere war er nicht in der Lage, das Problem der Munitionsfertigung befriedigend zu lösen, auch er erkannte die große Bedeutung, die Whites Erfindung hatte, nicht.
Inzwischen war es Smith und Wesson gelungen, eine Patrone mit dünnwandiger Kupferhülse herzustellen, deren Rand die Zündmasse enthielt. Es handelte sich um eine relativ schwache Patrone mit einer Schwarzpulverladung und
einem Kegelgeschoß im Kaliber .22. Eine Möglichkeit, die Einsatzfähigkeit der neuen Patrone zu testen, gab es nicht, es fehlte die entsprechende Waffe. In dieser Situation bot Rollin White ohne viel Hoffnung auf Erfolg Smith und Wesson sein Patent an. Die beiden Erfinder erkannten sofort die Bedeutung dieser Konstruktion, gerade
auch im Hinblick auf die von ihnen entwickelte Munition.Die Vorteile eines Hinterladerpatronenrevolvers im Vergleich mit einem Vorderladerperkussionsrevolver lagen auf der Hand. Die Erfindung der Metallmantelpatrone und die Konstruktion einer Revolvertrommel mit durchbohrten Kammern bildeten eine Einheit, sie ergänzten einander.
Im Jahre 1856 entschlossen sich Horace Smith und Daniel Wesson, Whites Patent anzukaufen. Es gelang ihnen, die Konstruktion für einen geringen Betrag, sowie die Zusicherung einer Beteiligung am Gewinn, unter der Voraussetzung, dass es zur Produktion von Waffen nach Whites Prinzip kommen sollte, zu erwerben. Der Grundstein für die Fertigung des ersten amerikanischen Revolvers für Metallpatronen war gelegt.
Nachdem 1857 Oliver Winchester Smith und Wesson ihre Anteile an der »Volcanic Repeating Arms Company« abgekauft hatte, zogen sie nach Springfield im Staate Massachusetts und gründeten eine eigene Fabrik. Im gleichen Jahr nahmen sie die Produktion eines Patronenrevolvers auf.
Sie waren zunächst an das kleine Kaliber .22 gebunden. Für diese Patrone entwickelten sie einen kleinen, siebenschüssigen Taschenrevolver, der eine Gesamtlänge von nur 17,5 cm hatte und nur wenig mehr als 300 Gramm wog. Es handelte sich um einen Kipplaufrevolver, dessen Lauf zum Laden und Entladen nach oben geklappt wurde.
Die mangelhaften Kenntnisse in der Patronenfertigung ließen ein größeres Kaliber in dieser ersten Phase der Fertigung nicht zu. Die ersten Kupfermantelpatronen wiesen zahlreiche Mängel auf. Immer wieder zerplatzten die Hülsen beim Schuss, zerstörten die Waffe und verletzten den Schützen. An mächtigere Kaliber mit entsprechend größerer Pulverladung, mehr Gasdruck und höherer Explosionskraft war daher nicht zu denken.
Obwohl die Waffen im Vergleich zu den zu dieser Zeit gängigen Perkussionsrevolvern geradezu zierlich waren und auch vom Kaliber her nicht sonderlich beeindrucken konnten, was das Interesse der Armeebehörden, denen an großen, unkomplizierten, robusten und starken Revolvern gelegen war, von vornherein ausschloss, hatten die kleinen Revolver auf Anhieb Erfolg. Smith und Wesson brachten von ihrem ersten Revolver drei verschiedene Ausgaben auf den Markt, perfektionierten ständig die Patronenfertigung und wagten sich 1861 auch an größere Kaliber heran.
Der Bürgerkrieg hatte begonnen, und wenn auch die Beschaffungsbehörden des Kriegsministeriums den neuen, kleinkalibrigen Patronenrevolvern skeptisch gegenüberstanden, so erwarben doch zahlreiche Offiziere der Nordstaaten Smith & Wesson Revolver als private Faustfeuerwaffen und nahmen sie mit ins Feld.
Der Erfolg des Patronenrevolvers war nicht mehr aufzuhalten.
Bereits 1860 waren Horace Smith und Daniel Wesson an die Grenzen ihrer Produktionskapazität gestoßen. Sie
hatten ihre Fertigungsstätten vergrößern müssen. Im Jahre 1864 war es abermals soweit, wer einen Smith & Wesson Revolver erwerben wollte, musste eine Lieferzeit von bis zu zwei Jahren in Kauf nehmen. Trotzdem stieg die Nachfrage ständig an. Die 3 Ausgaben des 1. Modells wurden von 1857 bis 1879 gebaut und in einer Auflage von
weit mehr als 250000 Stück verkauft, obwohl der Preis von 12 Dollar für die damalige Zeit nicht gerade niedrig angesetzt war.
Längst hatten andere Waffenfabrikanten den Wert des Rollin - White Patents erkannt und begannen, Smith & Wesson zu kopieren. Bis zum Jahre 1869 wehrten sich die beiden Büchsenmacher und White gegen die
Verletzung ihrer Patentrechte. Sie führten lang andauernde Prozesse und zwangen zahlreiche ihrer Konkurrenten zu teilweise erheblichen Zahlungen von Lizenzgebühren.
Dann erlosch der Patentschutz, und wenig später brachten andere Firmen Patronenrevolver auf den Markt.
Firmen wie die Colt Company hatten die Zeit des Patentschutzes für Smith & Wesson nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sie hatten eigene Experimente angestellt, hatten selbst Erfahrungen in der Patronenfertigung gesammelt, hatten Härteverfahren für Patronenhülsen entwickelt und bereits Versuche mit der Zentralfeuerzündung
durchgeführt.
Nach Ablauf der Patentrechte für die durchbohrte Trommel und die Metallpatrone warf Colt Perkussionsrevolver auf den Markt, die zu Patronenrevolvern umgebaut worden waren, so genannte Conversion - Modelle. Sie wurden in den großen, bekannten und bewährten Kalibern gefertigt und sollten den Waffenmarkt für eigene Serien großkalibriger Patronenrevolver vorbereiten.
Die adaptierten Modelle wurden nach verschiedenen Patenten gefertigt. Der Ingenieur Alexander Thuer meldete sein System, das die Grundlage für die ersten Conversion - Revolver der Colt Company bildete, am 15. September 1868 zum Patent an. Seine Konstruktion war etwas kompliziert: Das Ende des Zylinders, an dem die Pistons
angebracht waren, wurde abgeschnitten. Die verkürzte Trommel wurde durch einen drehbaren Conversion Ring mit zwei Öffnungen ergänzt. Je nach Einrichtung zündete der Hammer die Patrone oder warf die randlose Hülse nach vorn aus. Da der unter dem Lauf gelagerte Kugelsetzer nicht entfernt wurde, konnten die Revolver
durch das Austauschen der Trommel nach wir vor als Perkussionswaffen verwendet werden. Beim Kauf eines nach dem Thuer Patent umgebauten Revolvers wurde stets eine Perkussionstrommel mitgeliefert.
Am 27. Juli 1871 erhielt C. B. Richards das Patent auf eine verbesserte Conversion - Konstruktion, die der Firma Colt auch erhebliche Absatzerfolge sicherte. Richards ließ das Pistonteil der Trommel abschneiden und durch eine am hinteren Rahmenteil des Revolvers fest montierte Scheibe ersetzen. Diese Scheibe war im Gegensatz zum Thuer Patent nicht verstellbar. Sie enthielt einen separaten, federnden Schlagbolzen, auf den der Perkussionshammer beim Schuss auf traf und so die Patrone zündete. Eine Ladeklappe wurde angebracht, der Kugelsetzer wurde entfernt und durch einen Hülsenausstosser ersetzt. Das Richards System wurde hauptsächlich zum Umbau der großkalibrigen Army- und Navy - Modelle verwendet.
Am 2. Juli 1872 erhielt der Büchsenmacher William Mason ein Zusatzpatent. Es sah eine vereinfachte Ausführung des Hülsenausstosser vor und einen neuen Lauf. Der Hülsenausstosser wurde später fast unverändert beim Single Action Army Revolver der Colt Company, dem berühmten Peacemaker, verwendet.
Gemeinsam mit Richards gelang Mason schließlich eine weitere Verbesserung der Conversion - Modelle, der Schlagbolzen wurde wieder mit dem Hammer verbunden. Als Ergebnis aus all diesen Patenten und Entwicklungen produzierte die Colt-Company schließlich zwischen 1871 und 1872 eine Versuchsserie so genannter »Open Top Revolver«, die optisch bereits die Konstruktion des Single Action Army Revolvers ankündigten, der 1873 im Kaliber .45 auf den Markt kam.
Der Single Action Army Revolver, der unter der Bezeichnung »Peacemaker« einen legendären Ruf erlangte und neben den Winchester Gewehren zur berühmtesten Waffe der amerikanischen Pionierzeit wurde, war die materialmäßig, optisch und fertigungstechnisch optimale Faustfeuerwaffe seiner Zeit.
Ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen der Colt-Company und den eigentlichen Erfindern des Patronenrevolvers, Smith und Wesson, setzte ein, der zumindest auf dem amerikanischen Markt und auch, was die publizistische Popularität anging, von Colt gewonnen wurden. Während Smith und Wesson frühzeitig große Auslandsaufträge erhielten und zeitweise hauptsächlich für den Export produzierten - die russische Armee tätigte immer größere Bestellungen bei ihnen —, wurde Colts Peacemaker vom Beschaffungsamt der US-Armee aufgekauft und offizielle Dienstwaffe der amerikanischen Kavallerie. Eine aggressive Colt-Werbung sorgte dafür, dass der Peacemaker - Revolver sich nachhaltig im Bewusstsein der amerikanischen Pioniere einprägte.
Der Umsatz der Colt-Company wuchs in schwindelerregende Höhen. Wo von der Eroberung des weiten Westens mit der Waffe die Rede war, war im Zweifelsfalle immer der 45er Peacemaker - Colt gemeint. Er wurde zum klassischen Revolver der Pionierzeit, zu einem Symbol der Westwanderung schlechthin.
Mit der Fertigung dieses Revolvers war ein waffentechnischer Höhepunkt erreicht, was sich auch darin dokumentiert, dass diese Waffe mit einer Unterbrechung zwischen 1940 und 1956 bis auf den heutigen Tag beinahe unverändert produziert wird. Trotzdem trat in der Weiterentwicklung der Faustfeuerwaffen kein Stillstand ein. Nur vier Jahre nach der Konstruktion des Single Action Army Revolvers überraschte die Colt Company den amerikanischen Markt mit dem ersten Patronenrevolver im Double Action System.
Im Gegensatz zum Single Action System, bei dem vor jedem Schuss ein erneutes Spannen des Hahns notwendig ist, braucht bei der Double-Action-Mechanik nur noch der Abzug betätigt zu werden, wodurch eine Hebelbewegung im Revolverschloss ausgelöst wird, die den Hahn spannt, die Trommel weiterbewegt und den Schuss auslöst. Mit diesem System wurde schon recht früh, seit der Erfindung des ersten gebrauchsfähigen Revolvers in der Perkussionsära experimentiert. Es vermochte sich jedoch nicht durchzusetzen. Die Mechanik war zu kompliziert und daher sehr störanfällig. Zwar wurden die Double-Action-Waffen mit der Zeit perfekter, ihre Verbreitung hielt sich jedoch in Grenzen. Dennoch verloren Waffenkonstrukteure das System nie aus den Augen, denn es garantierte eine schnellere Schussfolge, da das Hahnspannen von Hand entfiel. 1877 brachte die Colt-Company ihren Double Action Revolver auf den Markt, der, verglichen mit seinen Vorläufern dieser Schlossart, außerordentlich zuverlässig war. Er hatte eine für die damalige Zeit sehr eigenwillige Form und einen so genannten Vogelkopfgriff, der für eine gute Handlage der Waffe sorgte.
Dieser sechsschüssige Revolver, der im Aufbau erheblich zierlicher und leichter war als die schweren Peacemaker, entwickelte sich rasch zu einem Verkaufsschlager. Die Waffe wurde im Kaliber .38 unter der Modellbezeichnung »Lightning«, im schweren Kaliber .41 als »Thunderer« angeboten.
Als die Produktion im Jahre 1909 auslief, waren 166 849 Revolver dieses Typs abgesetzt worden. Unter den Käufern befanden sich so prominente Kunden wie der berühmt - berüchtigte Billy the Kid und der Western-Maler Frederic Remington. Schon 1878 hatte Colt mit der Produktion größerer Revolver im Double Action System begonnen, die ebenfalls geschäftlich ungewöhnlich erfolgreich waren. Zunehmend konzentrierten sich die Colt-Ingenieure nun auf eine Perfektionierung der Double-Action- Mechanik. Revolver dieser Schlossart wurden für die amerikanische Armee produziert und auch mit Erfolg exportiert.
Rückblickend betrachtet lässt sich mit Fug und Recht sagen, dass die Colt Company mit der Konstruktion der »Lightning« - und »Thunderer« -Revolver bereits 1877 waffentechnisch das nächste Jahrhundert einleitete.
Zwar waren auch zu dieser Zeit die alten Perkussionsrevolver noch immer weit verbreitet und im Gebrauch. Ihre Zeit aber war zu Ende. Mehr noch als der Single Action Army Peacemaker und sein durchschlagender geschäftlicher Erfolg markierten die Double Action Revolver den Untergang der Perkussionsära. Heute ist das Double Action System das dominierende Prinzip in der Revolverfertigung.